Stollberg – eine Gemeinde wie viele andere auch
Es gibt also nichts Besonderes über Stollberg zu berichten! - Oder doch? Ist es etwas Besonderes, wenn die Gemeinde in den letzten Jahren nicht geschrumpft, sondern gewachsen ist? 145 Mitglieder waren wir Ende 2002; 156 Mitglieder sind wir im Moment (2008). Dazu etwa 45 Freunde, die zum festen Kreis der Gemeinde und Jugend gehören und oftmals sehr aktiv im Gemeindedienst stehen und sich in die Arbeitskreise der Gemeinde einbringen. Und da sind wir auch schon bei einem Thema, über welches auch wir uns Gedanken machen, wie sicher andere Gemeinden auch: Welchen „Status“ räumen wir zum Beispiel Leuten ein, die ihre Kindtaufe bejahen und mit ihrem Leben bestätigen, die Geschicke unserer Gemeinde entscheidend mit tragen und prägen, Arbeitskreise und Gemeindegruppen leiten, oder ihren Ehepartner bei der Gemeindearbeit in besonderer Weise unterstützen und damit mehr „Mitglied“ sind, als manches „Rand-Mitglied“ der Gemeinde? - Manche möchten gerne mehr als nur den „Freundes-Status“. Wir haben dafür noch keine richtige Lösung gefunden und hoffen, sie trotzdem als Mitarbeiter zu behalten und „ihre Gemeinde“ zu bleiben. Und auch das Problem der „Rand-Mitglieder“ beschäftigt uns immer wieder - wie wohl fast jede andere Gemeinde auch.
Ist es etwas Besonderes, wenn in den letzen Jahren neue Gemeindegruppen entstanden sind (Teenie-Kreis, Senioren-Kreis, Jugend-Glaubenskurs, Morgen-Gebetsandacht, diakonischer Arbeitskreis, missionarischer Arbeitskreis, Mutti-Frühstück, Frauensport)? Durch einige dieser Gemeindegruppen werden in besonderer Weise auch „gemeindefremde“ Freunde und Bekannte erreicht. Und da sind wir auch schon beim nächsten Problem unserer Gemeinde: Nicht alle verstehen, dass manchmal Veränderungen, Neuorientierungen und Schwerpunktverlagerungen in der Gemeinde notwendig sind. Wie können wir Bewährtes erhalten und gleichzeitig Neues gestalten? Welche Traditionen sind „unantastbar“, welche dürfen und welche „müssen“ vielleicht angetastet oder verändert werden? Wie kann dabei die Gesamt-Gemeinde zusammengehalten werden? Im Moment denken wir sehr intensiv darüber nach, wie die Hauskreisarbeit neu gestaltet und intensiviert werden kann und wie sie die Gemeinde bereichern kann. Manchmal „reiben“ wir uns da aneinander - aber Reibung erzeugt bekanntlich Wärme.
Ist es etwas Besonderes, wenn in den letzten Jahren trotz Generationswechsels in einigen unserer Gemeindegruppen die Arbeit in guter Weise weitergegangen ist und keine dieser Gruppen „aufgeben“ musste? In Sonntagschule, Chor, Gemeindeleitung, Bläserchor und Jugend wurde der „Staffelstab“ weitergegeben. Bisherige Verantwortliche waren froh, Entlastung zu erfahren. Neue Mitarbeiter stellten sich neuen Herausforderungen. Und da sind wir schon beim nächsten Problem: Wie können wir immer wieder neue Mitarbeiter(innen) gewinnen? Wie können wir Mitarbeiter vor Überlastung schützen? Wie können wir Mitarbeiter unterstützen, schulen und wieder neu motivieren? Und wie kann das Anliegen der ganzen Gemeinde werden?
Ist es etwas Besonderes, wenn das Miteinander der Generationen in unserer Gemeinde gut funktioniert? Es ist schön, zu erleben, wie sich „die Alten“ treffen, um besonders für die Jugend zu beten und was sich die Jugend einfallen lässt, um „den Alten“ eine Freude zu machen. Es tut gut, wenn zur Gemeindefreizeit und auch bei außerplanmäßigen Gemeindeveranstaltungen die Jugend komplett dabei ist uns sich aktiv einbringt. Und da sind wir auch gleich wieder bei einem Problem, oder besser, bei einer ständigen Herausforderung unserer Gemeinde: Wie kriegen wir es immer wieder hin, dass Jung und Alt die Gemeinde als „ihre“ Gemeinde erleben. Wie können Gegensätze die Gemeinde bereichern? Wie können Interessen vertreten und Interessenskonflikte geklärt werden?
Ist es etwas Besonderes, wenn sich eine große Jugend- und Kindergruppe in der Gemeinde wohl fühlt und damit die Gemeinde natürlich auch ganz schön „auf Trab“ hält? Da gibt es nicht in allen Punkten Übereinstimmung und manchmal sogar ganz schöne Meinungsverschiedenheiten. Aber wir sind miteinander im Gespräch und haben die Erfahrung gemacht, dass sich auch Geduld und „langer Atem“ lohnen und dass man durchaus auch mal Dinge eine Weile aushalten kann, die im Moment scheinbar nicht zu ändern sind. Wir wollen gerne Kirche für die Jugend sein, dann brauchen wir keine „Jugendkirche“.
Ist es etwas Besonderes, dass wir als Gemeinde ausreichend Platz und Räumlichkeiten in unserer Kapelle und den Nebengebäuden haben? In den letzten Jahren wurde viel gebaut, erneuert und investiert. Und besonders die Kinderarbeit und die Jugendgruppe freuen sich über ihre eigenen Räume. Das angrenzende Nachbargrundstück konnte dazugekauft werden. Dort läuft momentan der Abriss der Altbausubstanz. In der Zukunft soll das Nachbargrundstück einen Umbau bzw. eine Erweiterung unserer Kapelle ermöglichen, aber davon träumen wir vorerst noch. Und da meldet sich auch schon das nächste Problem: Das alles muss immer wieder unterhalten und erhalten werden und finanzierbar sein. Das ist nicht immer einfach und steigende Energiepreise und sinkende Realeinkommen tun das ihre dazu.
Manches gäbe es hier noch zu nennen - aber bei all dem merkt man: Es gibt tatsächlich nichts Besonderes von der Gemeinde Stollberg zu berichten - nichts, wovon andere Gemeinden nicht auch erzählen oder „ein Lied singen“ könnten.
Wenn es etwas Besonderes gibt, dann ist es der Segen Gottes, den wir an so vielen Stellen der Gemeindearbeit spüren können, den wir nicht verdient oder erarbeitet haben, der sich aber auch bindet an Menschen, die sich in besonderer Weise in den Dienst Gottes und der Gemeinde stellen und sich als Gottes Werkzeuge gebrauchen lassen. „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ - das ist Zuspruch, aber auch Anspruch für jeden Einzelnen in der Gemeinde, aber auch für die Gemeinde insgesamt. Und da sind alle eingeladen, nach ihren Möglichkeiten und Begabungen zu fragen, sie zu entdecken und auszuprobieren. Dass das in unserer Gemeinde so viele tun - ist das vielleicht das Besondere?
Lothar Nobis